Wanderung zur Sanaquelle

Bosnien-Herzegowina - Europas vergessene Ursprünglichkeit.
Wanderung zur Sanaquelle:

Der globalisierte Tourismus führt europäische Bildungsbürger auf ihrer permanenten Suche nach Neuem und Einzigartigem in die entlegensten Winkel der Welt. Kambodscha, Galapagos Inseln, Namibia - kein Ziel zu weit, keine Destination zu exotisch. Je entfernter ein Urlaubsziel, desto spannender und aufregender! Old Europe: bekannt, überlaufen, altmodisch. Übersehen wird dabei leichtfertig, dass auch mitten in Europa Regionen liegen, deren Landschaft sich vor fernöstlicher Exotik und prickelnder Abenteuerstimmung nicht zu verstecken brauchen. Bosnien wäre da so ein Kandidat. Seit den Jugoslawienkriegen liegt Bosnien und Herzegowina, trotz seiner geographischen Nähe zu Westeuropa, abseits touristischer Aufmerksamkeit. Was dem Land, dessen Naturschauspiele in den Siebziger und Achtziger Jahren hunderttausende Touristen begeisterte, ökonomisch schadete, hat seine Flora und Fauna als Glücksfall begriffen und als Möglichkeit der Regeneration genutzt. Besonders der an Kroatien grenzende Nordwesten Bosniens zwischen den Städten Bihać, Jajce und Banja Luka, der von der imposanten Charakteristika der drei Flüsse Vrbas, Sana und Una geprägt ist, weist eine ursprüngliche Identität aus, wie sie in Europa wohl einzigartig sein wird. Dichte Wälder, kristallklare Flüsse, große Tropfsteinhöhlen, atemberaubende Wasserfälle, Schluchten die Canyons ähneln. Die Wildnis einer dünn besiedelten, fast deindustrialisierten Region. Beispielhaft und wohl die schönste Art und Weise die Einzigartigkeit Bosniens zu entdecken ist eine Wanderung zur Quelle des Flusses Sana. Gesellschaftlich eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert - Landschaftlich die Rückkehr zur europäischen Ursprünglichkeit. Die Sana ist mit knapp 150 km einer der längsten Flüsse Bosniens. Sein sauberes, Quellwasser beeindruckte bereits die Römer, denen der Fluss seinen Namen (Sanus: lat. Gesundheit) verdankt. Die etwa 6 km lange Wanderung zur Quelle der Sana beginnt dort, wo die bosnische Zivilisation aufhört. Etwa eine halbe Stunde hinter dem Ort Mrkonjić Grad endet die bergige Schotterstraße in einem kleinen, entvölkerten Tal. Vom Ende der Straße aus begibt man sich auf einen etwa zwei Stunden währenden Fußmarsch durch die bosnische Hochebene. Wegweiser oder markierte Wege sucht man vergebens. Verlassene Berghäuser und verfallenen Friedhöfe mit verwachsenen Gräbern kennzeichnen den Weg. Alte Frauen und buckelige Männer wirken verschreckt beim Anblick fremder Menschen, weisen einem aber gerne den Weg in Richtung izvor - Quelle.

Wanderung zur Sanaquelle

Vom Tal geht es eine kleine Anhöhe hinauf zu einem aus drei verlassenen wirkenden Bauernhäusern bestehenden Gehöft. Einem Trampelpfad folgend wechselt die Umgebung ihr Gesicht von grüner saftiger Bergwiese in Hecken und Gestrüpp. Der Blick ins Tal gleicht einem Blick in die Vergangenheit. Grüne Wiesen, einzelne Holzhütten, verwachsene Steinmauern. Keine Menschenseele, kaum Zivilisationsspuren sichtbar. Der steinige Trampelpfad beginnt langsam abzusteigen und bringt uns ins Tal der Sana. Eine zerfallene, aber noch begehbare Holzbrücken, führt das erste Mal über ihr klares Wasser. Nur wenige hundert Meter nach der Quelle weist das Flusswasser selbst im heißen bosnischen Sommer nicht viel mehr als 10 Grad auf. Zum Baden zu kalt.

Wanderung zur Sanaquelle

Wir folgen dem Flusslauf. Der Trampelpfad schlängelt sich direkt neben dem Flussbett durch struppiges Gehölz - eine durchaus anspruchsvolle Wanderung. Nach etwa 500 Meter erfolgt erneut eine Flussüberquerung. Die einfache Holzbrücke über den etwa 7 Meter breiten Fluss hat ihre beste Zeit schon hinter sich und besteht nur noch aus losen Brettern die von zwei Drähten gehalten werden. Aber trotz der baulichen Mängel gelingt auch diese Brückenüberquerung ohne größere Mühen. Ein sich nun auftuender Laubwald führt die letzten hundert Meter zur Hauptquelle. Diese gleicht einem großen, runden Höhleneingang. Aus dem Massiv des Karstgebirges presst sich mit lautem Getöse das klare Wasser der Sana. Die Kräfte der Natur sind deutlich spürbar und das Kalt des Wassers und des Berges lässt eine herbstliche Stimmung selbst im Sommer entstehen.

Wanderung zur Sanaquelle

Die Sanaquelle ist nicht leicht zu erreichen. Schilder gibt es keine und der Weg dorthin ist abenteuerlich. Das Flussbett der Sana und die von ihr geprägte Landschaft führen einen touristischen Dornröschenschlaf - zum Wohle der Natur. Gleichzeitig führt dieser Mangel an Gästen aber auch dazu, dass die letzten jungen Bewohner der Region fortziehen. Die natürlichen Kostbarkeiten bringen keine Erwerbsmöglichkeit mit sich und die Gefahr einer Zermüllung oder Verbauung der Region ist nicht gebannt. Daher wären einige Wandertouristen und Naturliebhaber, denen das Wohl der unberührten Sana wichtig ist, eine gute Möglichkeit um den Einheimischen den Werte ihrer natürlichen Reichtümer auch monetär aufzuzeigen. Bosnien besitzt eine Vielzahl landschaftlicher Extravaganzen. Die Sana ist dabei nur eine kleine Facette. Beim Bereisen des nach wie vor ökonomisch unter den Kriegsfolgen leidenden Landes, wird einem neben der großen Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, besonders die weit verbreitete deutsche Sprachkompetenz auffallen. Angesichts des Mangels an aktuellen Reiseführern und Informationen zu Bosnien, eine nicht zu unterschätzende Tatsache. Angst vor Minen braucht man nicht zu haben. Zwar weisen etliche Gegenden in Bosnien in der Tat noch Tretminen auf, aber diese Territorien sind bekannt und deutlichen markiert. In der Region um die Sanaquelle selbst gibt es keine Minen. Sogar den bosnischen Kriegsparteien war die Sanaquelle zu abgelegen. Ein vergessener Hort natürlicher Ursprünglichkeit - Mitten in Europa.

Wanderung zur Sanaquelle

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