Südosteuropa Mitteilungen 04/2008

Nebojša Popović und Kosta Nikolić,
Vojislav Koštunica - A career.
Belgrad 2007

Rezension von Jörg Heeskens, Universität Basel

Der bei den Parlamentswahl im Mai 2008 abgewählte langjährige Ministerpräsident Vojislav Koštunica war der mächtigste und einflussreichste serbische Politiker das Post Milošević Ära. Während sich seine politischen Gegenspieler, innerparteilichen Rivalen und machtstrategischen Konkurrenten im Laufe der bewegten serbischen Innenpolitik seit dem Herbst 2000 gegenseitig selbst eliminierten, verschwanden oder frustriert resignierten - der Jurist aus Belgrad blieb. Und ob seine Wahlschlappe vom 11. Mai 2008 gleichzusetzen ist mit seinem politischem Ableben bleibt abzuwarten. Die beiden serbischen Historiker Nebojša Popović und Kosta Nikolić stellen in einer 2007 in Belgrad veröffentlichten umfangreichen und gut recherchierten englischsprachigen Biografie den mächtigen politischen Akteur Serbiens vor. Im Mittelpunkt des Buches steht dabei die Frage, wie es diesem inhaltlich widersprüchlichen, demokratisch unkonstanten Mann gelang Serbien so konsequent zu dominieren. Die Antwort, man ahnt es schon bei der Lektüre der einleitenden Worte, ist Koštunicas unbeugsamer, alle Ideologien ausblendender, kalter Machtwille, welchem er alles unterordnet. Ein profanes, recht gängiges politisches Mittel, gerade in Südosteuropa, aber die Konsequenz, mit welcher Koštunica seine Macht zu sichern bereit ist, erscheint selbst für diesen Teil Europas als beachtenswert. Die 500 Seiten zählende Biografie "Vojislav Koštunica - a career." verfügt über eine chronologisch aufgebaute Struktur und beschreibt den Machtpolitiker Koštunica und nicht den Privatmensch Koštunica. Dieser bleibt dem Leser erspart - der Politische spricht für sich. Der erste Teil der Biografie beschäftigt sich mit Koštunicas Zeit als Oppositionspolitiker zwischen 1992 und 2000. Der Verfasser der ersten Buchteils, Nebojša Popović, beschreibt mittels zahlreicher Zitate und Interviewpassagen nachvollziehbar und detailliert Koštunicas ambivalente Zeit in den 1990er Jahren. Schildert seinen Schlingerkurs zwischen demokratischer Opposition und Miloševićs repressivem Machtapparat, seine nationalistischen Forderungen und abstrusen Aussagen während der jugoslawischen Bürgerkriege, seine Passivität bei den demokratischen Protesten 1996 und sein Aufspringen auf den demokratischen Zug als Miloševićs Ende im Herbst 2000 unvermeidbar war. Koštunica wird dabei als berechenbar unberechenbarer Mensch dargestellt, dem seine persönlichen Interessen wichtiger sind als politische Überzeugungen. Der zweite, umfangreichere Teil der Biografie, geschrieben von Kosta Nikolić, widmet sich Koštunicas Zeit "In Power" und stellt seine Zeit vom Herbst 2000 bis 2005 als jugoslawischer Präsident und später als serbischer Ministerpräsident dar. Koštunica, vom Westen als "Statement of the Year" 2001 gefeiert, stand von Beginn seiner präsidialen Zeit an in erbitterter Gegnerschaft zur von Đinđić geführten ersten demokratischen serbischen Regierung. Konsequent sanktionierte er deren Reformvorhaben und bediente sich skrupellos alter Seilschaften aus Militär, Justiz, Geheimdiensten und kriminellem Milieu. Seiner Popularität und politischen Karriere schadete sein zwiespältiges menschliches und demokratisches Verhalten nicht und auch seine nach wie vor unklare Rolle bei den Geschehnissen rund um den Mord an Premierminister Đinđić im März 2003 hinderte ihn nicht daran sich im Frühjahr 2004 mit den Stimmen der Sozialistischen Partei Miloševićs als Ministerpräsident einer Minderheitsregierung wählen zu lassen. Eine Funktion die er, obwohl seine Partei nur noch die drittstärkste Fraktion in der Skupština stellte, bis Juli 2008 inne hatte. Ein Hinweis auf sein perfektes strategisches Kalkül und sein Demokratieverständnis. Diese beiden Punkte greift Kosta Nikolić im Kapitel "Vojislav Koštunicas Technology of Power" gekonnt auf und fasst Koštunicas Zeit "In Power" als für die Demokratie verlorene Jahre für Serbien zusammen. Eine These welche die Tatsache, dass Radovan Karadžić unmittelbar nach der endgültigen Abdankung der Koštunica Regierung im Juli 2008 verhaftet wurde mehr als unterstreicht. Eine umfangreiche Zitatensammlung, Zeitzeugenaussagen zu und über Koštunica und die Abbildung einiger Dokumente runden den zweiten Teil der Biografie ab. Die gute, fast schon spannend geschriebene Biografie über den mächtigen Mann Serbiens beschreibt eindrucksvoll dessen Vielseitigkeit, seine Wankelmütigkeit und dokumentiert seinen absoluten Wille zur Macht. Der chronologisch gehaltene Aufbau lässt die politischen Ereignisse Serbiens der letzten 20 Jahre wie ein Film vor Augen ablaufen. "Vojislav Koštunica - a career" ist eine überaus ergiebige Fachpublikation, die nicht nur den ehemaligen serbischen Ministerpräsidenten darstellt, sondern auch einen tiefen Blick in die politische Realität des heutigen Serbiens gibt. Angesichts der vielen Zitate, Querverweise und Andeutungen wird jedoch ein recht großes Maß an Kenntnissen über die politischen Ereignisse der letzten 20 Jahre im ehemaligen Jugoslawien vorausgesetzt.

Zurück zu "Das politsche System Serbiens"